"Die schwarze Witwe" Teil 2
Ich habe nur noch eine einzige Kopie der Kurzgeschichte von damals und hatte mir schon ewig vorgenommen, sie mal abzutippen, bevor ich sie verliere. Und was wäre ein besserer Ort, meine erste Veröffentlichung aufzubewahren, als dieser Blog? Sprachlich ist sie sicherlich ausbaufähig, aber die Story gefällt mir irgendwie immer noch. Hier ist sie also:
DIE SCHWARZE WITWE
von Leonie Adam (10)
Anna und Svenja bummeln gemütlich über das Oktoberfest. Anna schleckt ein Eis, Svenja hat sich für Zuckerwatte entschieden.
"Ich will meiner Oma etwas schenken. Wie wär's mit so einem Schal hier? Weiß mit glitzernden Fransen?" Svenja steht vor einem Stand.
"Ist das etwas für eine alte Dame?"
"Du kennst meine Oma nicht! Die ist noch ganz peppig!" Svenja wühlt durch den Haufen.
Anna schaut sich um. Da rempelt sie aus Versehen eine alte, schwarz gekleidete Dame an. Erschrocken lässt die Frau ihren Schirm fallen. Anna entschuldigt sich. Flink hebt die Lady ihn auf und verschwindet rasch in der Menschenmenge. Da kommt Svenja. Sie hat den Schal für ihre Oma gekauft.
Plötzlich schreit eine Frau: "Hilfe! Polizei! Ich bin bestohlen worden! So rufen Sie doch die Polizei!"
Da meldet sich ein Mann: "Meine Brieftasche ist auch weg!"
Die Freundinnen laufen zu den beiden Bestohlenen. Die Frau steht am Kinderkarussell, der Mann am Bierstand.* Svenja fragt den Mann, wo seine Brieftasche gewesen sei.
"Hier in der Tasche..."
Angeekelt schaut Svenja auf die schwarze Spinne, die in der Tasche des Mannes statt der Brieftasche sitzt. Als sie sich das Tier allerdings genauer ansieht, bemerkt sie, dass es gar keine echte Spinne ist, sondern eine aus Plastik. Svenja zieht sie heraus. Anna hat bei der Frau auch eine Plastikspinne entdeckt.
Die Mädchen laufen schnell zu Anna nach Hause. "Plastikspinnen! Wer kommt denn auf so eine Idee?!" Keine der jungen Freundinnen hat einen Plan.
"Auf jeden Fall sollten wir in den nächsten Tagen das Oktoberfest im Auge behalten."
Svenja stimmt ihrer Freundin zu.
Also sind die Mädchen am nächsten Tag wieder auf dem Oktoberfest, beobachten aber diesmal die Leute zuerst am Bierstand und danach am Karussell. Aber nichts Aufregendes passiert, bis ein Kind schreit: "Mami! Mami! Hilfe, eine Spinne!"
Die Mädchen setzen sich in Bewegung. Sie ahnen schon, um welche Spinne es sich handelt. Und tatsächlich: Wieder finden Svenja und Anna eine schwarze Plastikspinne. Dem Mädchen wurde ein 10€-Schein gestohlen. Die beiden Kinder nehmen auch dieses Tier mit.
Dann greift Svenja zum Handy. Sie wählt die Zimmernummer ihrer Oma im Altenheim. "Hallo, hier ist Svenja! Ich wollte mal fragen, wann ich morgen kommen soll und ob ich meine Freundin Anna mitbringen darf!"
Die Oma antwortet: "Natürlich darfst du deine Freundin mitnehmen. Kommt doch am Nachmittag zum Kaffee! Ach du, ich muss Schluss machen! Wir schauen jetzt einen Film in unserer neuen Kino-Anlage. Die alte, nette Gertrud hat uns nämlich Geld gespendet. Also Tschüss!"
Anna hat mitgehört. Sie ist erstaunt darüber, dass eine Dame ihrem Altenheim Geld spendet. Aber Svenja muss jetzt nach Hause. Und Anna hat das Telefonat schnell wieder vergessen...
"Ding-Dong!" Anna öffnet die Tür. "Bist du fertig? Wir wollen los!"
Anna schnappt sich ihre Jacke und ihren Fahrradhelm und folgt Svenja nach draußen. Die Mädchen fahren mit ihren Rädern zum Altenheim. Sie laufen über einen langen Flur. Svenja bleibt vor Zimmer Nr. 20 stehen und klopft.
"Herein!"
Die Mädchen betreten das Zimmer. Svenja umarmt ihre Großmutter und überreicht ihr den Schal.
"Der ist aber hübsch!", ruft die Oma entzückt. "Kinder, ich lade euch zu einem Stück Kuchen in die Cafeteria ein. Kommt!"
Die Mädchen nicken und folgen Svenjas Oma.
"Drei Stück Apfelkuchen, bitte! Ach, der Film gestern war schön! Die arme, alte Getrud. Ihr müsst wissen, dass sie seit drei Jahren Witwe ist. Seitdem trägt sie nur noch schwarze Kleider. Sie hatte früher einen ganz seltsamen Beruf. Sie war mit ihrem Gatten in einem Varieté als Zauberkünstlerin tätig. Bis zu seinem Tode. Ist das nicht aufregend? Stellt euch das vor!"
"Der Kuchen, Madame!"
Die Oma bedankt sich und beginnt zu essen. Die Mädchen tun es ihr nach.
"Ach, da ist ja Gertrud! Hallo! Setz dich zu uns!"
Die schwarzgekleidete Dame setzt sich und schenkt den Mädchen ein etwas gezwungenes Lächeln. Anna durchzuckt es wie ein Blitz. "Ich gehe einmal zur Toilette." Bei diesen Worten versetzt sie Svenja einen Fußtritt. Diese steht sofort auf und beide verlassen die Cafeteria. Als sie außer Hör- und Sichtweite der beiden Damen sind, meint Anna aufgeregt: "Eine schwarze Witwe!"
Svenja macht große Augen. "Diese Plastikspinnen waren doch schwarze Witwen!" Den Mädchen wird einiges klar.
"Diese Dame habe ich auch auf dem Oktoberfest gesehen, kurz bevor die Diebstähle entdeckt wurden. Sie war Zauberkünstlerin und konnte bestimmt so den Leuten unbemerkt in die Tasche greifen. Außerdem kann man als Zauberin kaum Geld für eine Kinoanlage aufbringen."
Svenja beginnt zu kichern. "Dann ist sie also eine Art weiblicher Robin Hood!"
Die Mädchen gehen zurück. "Könnten wir sie bitte einmal allein auf ihrem Zimmer sprechen?" Gertrud willigt ein und begleitet die Mädchen in ihr Zimmer.
"Sie haben die Leute auf dem Oktoberfest beraubt!", spricht Anna ihren Verdacht aus. Svenja hätte nicht den Mut aufgebracht, denn sie hatten ja überhaupt keine Beweise! Gertrud schaut erst Anna, dann Svenja an, dann blickt sie auf den Boden. "Ihr habt Recht. Ich habe mich über die Zustände hier geärgert und da habe ich mir gedacht, dass ich von meinem früheren Beruf Gebrauch machen könnte. Ich war nämlich Zauberkünstlerin. Ich habe aber die Brieftaschen anonym bei der Polizei abgegeben!"
Anna kann sich kaum ein Grinsen verkneifen.
"Wir werden Sie nicht bei der Polizei verraten, wenn sie uns versprechen, dass Sie damit aufhören", sagt Svenja.
Gertrud stimmt zu. Dann gehen die Mädchen nach draußen. Doch als Svenja ihr Fahrrad aufschließen will, stellt sie erschrocken fest, dass statt ihrem Schlüssel eine schwarze Spinne in ihrer Tasche zu finden ist. Sie dreht sich um. Da steht Gertrud grinsend an der Tür, in der Hand hält sie den Fahrradschlüssel.
"Ich wollte noch ein letztes Mal..."
*Aus heutiger Sicht schockiert mich übrigens, wie selbstverständlich ich mit zehn dieses konservative Geschlechterbild verwendet habe.

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