"Die schwarze Witwe" Teil 1
Als ich zehn Jahre alt war, fand ich in einer Kinderzeitschrift eine Ausschreibung für den Kinder-Krimiwettbewerb "Auf heißen Spuren" der Deutschen Kinemathek in Berlin. Ich war sofort Feuer und Flamme. Mir war klar, dass ich da unbedingt mitmachen wollte. Eingereicht werden musste eine dreiseitige Kurzgeschichte, in der es um einen Kriminalfall geht. Wäre wirklich gut gewesen, hätte ich das direkt gründlich gelesen und beherzigt. Stattdessen stürzte ich mich ins Schreiben einer komplexen und viel zu langen Krimi-Geschichte (das mit dem Kurzfassen war bei mir schon immer ein Problem). Ich erkannte meinen Fehler leider auch erst, als wir mein Werk einschicken wollten und die genauen Abgabekriterien nochmal genau in Augenschein nahmen. Ich war kurz schockiert, dann verzweifelt, dann trotzig, dann entschlossen. Ich schrieb kurzerhand und ziemlich kurzfristig (nur noch drei Tage bis Einsendeschluss!) eine neue Geschichte. Dieses Mal tatsächlich nur die verlangten drei Seiten. Wir schickten sie gerade noch rechtzeitig ab und dann hieß es: Warten. Meine Mutter bekam irgendwann die Mitteilung, dass der Jury meine Geschichte gefallen hatte und wir zur großen Preisverleihung in Berlin eingeladen wurden. Ich war ungeheuer aufgeregt, als ich wir schließlich dorthin fuhren. Ich weiß noch, dass ich vor lauter Nervosität meine Cordmütze im Zug liegen ließ.
Die Preisverleihung fand in der Deutschen Kinemathek statt und wir wurden in einen großen Raum geführt. Mit vielen anderen Kindern und vielen anderen Eltern - die Kinder saßen in mehreren Stuhlreihen vorn, die Eltern sollten sich aus Platzgründen im hinteren Teil des Raumes aufhalten. Das war ziemlich beängstigend, ich hätte gern neben meiner Mutter gesessen. Aber es musste so gehen. Ich war schließlich schon zehn, das würde ich ja wohl schaffen! Gefühlt dauerte es noch mehrere Stunden, bis es endlich losging, aber realistisch betrachtet waren es wohl maximal 20 Minuten. Schließlich betrat jemand die Bühne, hieß uns alle willkommen und erklärte, was nun folgen würde: Die ersten zehn Plätze des Wettbewerbs sollten namentlich verkündet werden, die besten drei Geschichten sogar vor allen vorgelesen. Da es aber natürlich unzählige Einreichungen gegeben hatte, gab es vorher gab es noch ein paar lobende Erwähnungen von Kindern, die es knapp nicht auf die Liste geschafft hatten. Aber es waren so viele Kinder da. Es konnten trotzdem nicht alle genannt werden...
Ich weiß noch, dass ich bei den lobenden Erwähnungen dachte: "Bitte sagt meinen Namen! Oh bitte, sagt meinen Namen!" Aber mein Name fiel nicht. Dann wurde der zehnte Platz verkündet und wieder wünschte ich mir sehnlichst, meinen Namen zu hören. Aber er fiel wieder nicht. Ich weiß nicht mehr genau, wann sich mein Wunsch änderte. Vielleicht bei Platz fünf oder vier. Auf einmal dachte ich: "Jetzt noch nicht. Sagt meinen Namen, aber noch nicht jetzt!"
Platz Drei wurde verkündet, dann Platz Zwei. Und da begann ich, zu bereuen. Ich hatte einen Fehler gemacht, ich hätte mir nicht wünschen dürfen, noch nicht genannt zu werden. Das war dumm gewesen! Jetzt hatte ich meine Chance vertan, denn es war ja nicht möglich dass...
"Erster Platz - Leonie Adam mit ihrer Geschichte Die schwarze Witwe!"
Für einen Moment war ich tatsächlich wie betäubt, alle klatschten und jubelten und ich konnte nicht fassen, dass ich da gerade meinen Namen gehört hatte. Ich wäre gern zu meiner Mutter nach hinten gelaufen, aber ich musste mit zittrigen Beinen auf die Bühne, wo mir Wolfgang Völz gratulierte und sogar die Hand küsste. Ich bekam eine Tüte in die Hand gedrückt, in der ein TKKG-Computerspiel, ein Buch und 150€ waren - und mit zehn sind 150€ ein Vermögen!
Als ich mich wieder gesetzt hatte, las Wolfgang Völz auf der Bühne meine Geschichte vor. Hinterher applaudierten alle und dieses Gefühl - ich kann es nicht in Worte fassen! Ich hatte etwas geschaffen, dass andere toll fanden. Ich hatte zum ersten Mal völlig fremde Menschen mit meinen Worten erreicht. Und obwohl es noch eine ganze Weile dauern sollte, bis ich das wieder tat, war die Sache für mich entschieden. Natürlich würde ich Autorin werden! Da führte ja gar kein Weg dran vorbei. Da musste ich nicht drüber nachdenken, das war keine Laune, kein leerer Tagtraum. Es war schlicht unvermeidlich.
Die Liebe fürs Schreiben hat mich bis heute nicht verlassen und ich hoffe sehr, dass sie das auch in nächster Zeit nicht vorhat. Allerdings habe ich inzwischen von Kurzgeschichten Abstand genommen.
Wie gesagt: Kurzfassen - gar nicht mein Ding!

Kommentare